„Essayistischer Begleitgedanke zu Joachim Streits interessanter These: Die moderne Dummheit entsteht paradoxerweise mitten im Überfluss an Bildung, Technik und Kommunikation.“
Der Text von Joachim Streit enthält viele kluge Beobachtungen und er beschreibt treffend die geistigen Verirrungen unserer Zeit. Vor allem die Passage über Lagerdenken, moralische Selbstgewissheit und die Schwierigkeit, Unsicherheit auszuhalten. An einem Punkt würde ich allerdings widersprechen: dem inflationären Gebrauch des Wortes und dem Begriff „Dummheit“ selbst.
Für Generalkritik könnte man den Gedanken vielleicht in diese Richtung weiterentwickeln: Die Dummheit der anderen – oder warum am Ende 100 % der Bevölkerung dumm sind.
Fast jeder hält heute irgendjemanden für dumm:
o Die Linken halten die Rechten für dumm. o Die Rechten halten die Linken für dumm.
o Regierungskritiker halten die Regierung für dumm. o Regierungen halten ihre Kritiker für dumm.
o Atheisten halten Gläubige für dumm. o Gläubige halten Atheisten für dumm;
und so weiter und so fort………….
Wenn also jeder Politiker dumm ist, jede Regierung, jede Partei, die Medien, die Impfgegner, die Impfbefürworter, die Klimaschützer, die Klimaskeptiker und die Nachbarn ohnehin – dann bleibt am Ende nur eine mathematisch bemerkenswerte Erkenntnis: Offenbar besteht die Bevölkerung zu 100 Prozent aus Dummköpfen. Natürlich ist das eine rhetorische Zuspitzung, kein strenger Beweis – aber gerade als Zuspitzung zeigt sie, wie beliebig der Begriff wird, sobald jeder ihn auf jeden anwendet.
Diese „Erkenntnis“ erscheint mir wenig hilfreich. Vielleicht liegt der Fehler also nicht bei den anderen, sondern beim Begriff selbst. Denn Menschen sind selten insgesamt dumm oder insgesamt klug. Sie sind in manchen Bereichen erstaunlich intelligent und in anderen erstaunlich ahnungslos. Sie sind vor allen Dingen eins: keine einheitlichen Wesen. Sie bestehen aus Stärken, Schwächen, Wissen, Irrtümern, Talenten und blinden Flecken.
Ein Nobelpreisträger kann an einer Steuererklärung scheitern. Ein Physiker kann an einer kaputten Steckdose verzweifeln. Ein Handwerker kann komplizierte technische Probleme lösen und versteht vielleicht mehr von der Realität des Lebens als manche Universitätsprofessoren, kennt dafür aber keine Quantenphysik oder die marxistische Mehrwerttheorie.
Und selbstverständlich gilt das auch für jeden von uns. Und ich selbst bilde da keine Ausnahme.
Auch der Generalkritiker ist nicht gegen Dummheiten immun – und ich meine das nicht abstrakt: Ich bin selbst jemand, der gerne und oft generalisierend urteilt, auch über Dummheit. Wer jahrzehntelang schreibt, irrt sich zwangsläufig vielfach. Wer sich nie irrt, denkt meist nicht selbst. Wer ehrlich ist, muss zugeben: Auf manchen Gebieten verfügt er über Wissen, Erfahrung und Urteilskraft. Auf anderen bewegt er sich im Nebel von Vorurteilen, Glaubensformeln, Halbwissen und Irrtümern.
Deshalb erscheint mir die pauschale Aussage „Der ist dumm“ überwiegend wenig hilfreich und fast immer zu grob. Sinnvoller und präziser wäre die Frage:
- Worin genau?
- Welche Aussage?
- Welche Entscheidung?
- Welcher Gedanke?
- Welches Verhalten?
Diese Aussage ist dumm, diese Entscheidung ist dumm, diese politische Maßnahme ist dumm, diese Einschätzung ist dumm oder: Diese Person verhält sich auf diesem Gebiet erstaunlich unklug. Mit einer nachvollziehbaren Begründung beginnt das Wort „dumm“ an Aussagekraft zu gewinnen. Erst dann beginnt eine ernsthafte Diskussion.
Denn niemand ist überall klug. Aber auch niemand ist überall dumm. Vielleicht erklärt das auch, warum die Regale voller Bücher über die Dummheit der Menschheit sind. Sie lesen sich angenehm. Fast jeder Leser schlägt sie auf und denkt insgeheim: „Gut, dass endlich einmal die anderen beschrieben werden.“ Die eigene Dummheit erkennt man bekanntlich am schlechtesten.
Meine persönliche Ausnahme bildet die Religion. Ich halte den Glauben an übernatürliche Wesen für eine Form geistiger Selbsttäuschung. In diesem Bereich würde ich tatsächlich von Dummheit sprechen. Womit ich – das sei selbstkritisch angemerkt – genau in die Falle tappe, die ich hier beschreibe: eine pauschale Zuschreibung an eine ganze Gruppe, statt die Frage nach dem „Worin genau?“ zu stellen. Vielleicht ist das der beste Beweis für die These dieses Essays: dass es leichter ist, die eigene Gewissheit zu erkennen, als sie aufzugeben. Andere sehen das völlig anders. Doch selbst dort gilt: Ein religiöser Mensch kann gleichzeitig ein hervorragender Arzt, Ingenieur, Musiker oder Wissenschaftler sein.
Menschen sind komplizierter als Schubladen.
Noch wichtiger erscheint mir eine zweite Unterscheidung: Politiker sind nicht deshalb gefährlich, weil sie dumm wären. Viele Spitzenpolitiker sind hochintelligent. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Wofür setzen sie ihre Intelligenz ein?
Ein kluger Kriegsminister kann gefährlicher sein als ein dummer. Ein intelligenter Kanzler kann mehr Schaden anrichten als ein ungebildeter Stammtischredner. Das Problem ist daher oft nicht mangelnde Intelligenz, sondern Macht, Ideologie, Interessen oder fehlende moralische Grenzen.
So halte ich beispielsweise viele Politiker nicht für dumm. Im Gegenteil. Viele von ihnen sind intelligent, rhetorisch geschult und strategisch denkend. Gerade deshalb sollte man politische Konflikte nicht auf die Formel „die Dummen gegen die Klugen“ reduzieren.
Die Welt ist komplizierter.
Hinzu kommt eine soziale Funktion, die der Begriff „Dummheit“ oft unbemerkt erfüllt: Er dient seltener der Erkenntnis als der Abgrenzung. Wer die andere Seite für dumm erklärt, markiert damit vor allem die eigene Gruppe als die vernünftige. Das Etikett ist dann weniger eine Diagnose als ein Stammeszeichen – es schafft Zusammenhalt nach innen, indem es Verachtung nach außen verteilt. Gerade das macht den Begriff in der politischen Diskussion so beliebt und gleichzeitig so unbrauchbar.
Die eigentliche Gefahr liegt oft nicht in der Dummheit, sondern in der Selbstgewissheit. In dem Glauben, man selbst gehöre endgültig zur Seite der Klugen und alle anderen seien erledigte Fälle. Vielleicht beginnt Klugheit genau dort, wo man bereit ist, einen unangenehmen Gedanken zuzulassen: Dass auch die eigene Sicht auf die Welt Fehler enthalten könnte.
Und dass selbst ein Generalkritiker – und das schließt mich selbst ausdrücklich mit ein – möglicherweise Unsinn erzählt. Ich sehe das nicht als Schwäche. Es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt etwas lernen zu können.
Deshalb sollten wir sparsamer mit dem Wort „dumm“ umgehen und es weitgehend aus dem politischen Sprachgebrauch verbannen. Es erklärt wenig, beendet womöglich nur das Nachdenken und beleidigt viel.
Wer verstehen will, warum Menschen handeln, wie sie handeln, kommt mit den Begriffen Irrtum, Ideologie, Interessen, Gruppendruck, Angst, Eitelkeit oder Machtstreben meist deutlich weiter.
Wahre Klugheit beginnt möglicherweise dort, wo wir nicht nur die Dummheit der anderen erkennen, sondern die eigene gleich mitdenken. Das ist wesentlich unangenehmer – aber vermutlich erkenntnisreicher.
Wer alle anderen für dumm hält, beweist damit nicht seine Klugheit. Er beweist nur, dass er sich selbst vergessen hat.