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Jürgen Todenhöfer: Wir brauchen mehr Diplomatie und nicht mehr Waffen

Originaltext:

Wenn sich die Menschheit eines Tages selbst auslöscht, wird der Grund dafür sehr einfach sein: Sie hat aufgehört, bei schweren Konflikten miteinander zu reden.

Ohne Kommunikation, gerade in Krisenzeiten, wird die Menschheit immer wieder in die Steinzeit zurückfallen und Mord und Totschlag erleben.

Unsere Politiker haben leider die Diplomatie verlernt. In den 60er-, 70er-, 80er- und auch 90er-Jahren haben Politiker Kriege durch Gespräche verhindert.

US-Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Führer Michail Gorbatschow haben den Abbau atomarer Mittelstreckenraketen, die ganz Europa und ganz Russland vernichten konnten, nicht durch Gewalt und auch nicht durch Drohungen erreicht, sondern durch harte, faire Verhandlungen miteinander.

Kanzler Willy Brandt ist nach Warschau gefahren und hat sich vor den Opfern des Naziterrors verneigt. Das war keine Schwäche. Das war keine Feigheit, das war Mut.

Der amerikanische Außenminister und Sicherheitsberater Henry Kissinger, so umstritten er auch war, hat sich immer mit seinen Gegnern und Feinden getroffen – in China und in Vietnam. Nicht weil er die Kommunisten liebte, sondern weil er Frieden wollte.

Heute sind Gespräche mit dem Gegner, etwa mit Russland, bei Politikern wie Merz oder Pistorius verpönt. Wer sie fordert, gilt schnell als naiver Gutmensch.

Dabei hat genau diese Gesprächsbereitschaft verhindert, dass aus dem damaligen Kalten Krieg mit der ehemaligen Sowjetunion ein heißer Krieg wurde, in dem wir alle verbrannt wären.

Ich habe in den 80er-Jahren selbst in Moskau mit der Sowjetunion über den Abbau nuklearer Mittelstreckenraketen verhandelt. Ich weiß: Man konnte damals mit den Sowjets verhandeln, und man kann heute mit den Russen reden. Man muss es nur wollen.

Unsere heutigen Politiker sprechen nur noch mit Freunden, nicht mehr mit Gegnern. Das könnte sich sehr bald bitter rächen.

Würden wir auch nur ein Zehntel dessen, was wir in Waffen investieren, in Diplomatie investieren, dann wäre unsere Welt viel sicherer und viel schöner.

Mit dieser Strategie der Gesprächsverweigerung muss Schluss sein, wenn wir die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs nicht noch einmal erleben wollen. 

Hier würde ich die Kernaussagen auf drei prägnante Thesen verdichten:

  1. Frieden entsteht nicht durch immer mehr Waffen, sondern durch Diplomatie.
    Wer Gespräche mit dem Gegner verweigert, erhöht das Risiko einer militärischen Eskalation.
  2. Die größten Erfolge der Friedenspolitik wurden durch Verhandlungen mit Gegnern erreicht – nicht mit Freunden.
    Reagan und Gorbatschow, Willy Brandt oder auch Henry Kissinger zeigen, dass selbst tiefste Gegensätze durch Dialog überbrückt werden können.
  3. Deutschland und der Westen investieren heute Milliarden in Aufrüstung, aber zu wenig in Diplomatie.
    Bereits ein Bruchteil dieser Mittel für ernsthafte Verhandlungen könnte nach Todenhöfers Auffassung die Welt sicherer machen.

 

Merz will nicht mit Putin verhandeln

 

Diplomatie? Offenbar von Merz und Pistorius nicht gewollt.

Millionen Deutsche wünschen sich, dass endlich wieder mit Russland verhandelt wird. Zahlreiche Politiker außerhalb der Regierungskoalition, Wissenschaftler, Militärs und prominente Persönlichkeiten teilen diese Forderung. Die Bundesregierung interessiert das offensichtlich nicht. Sie beansprucht für sich allein zu wissen, was richtig ist – und erklärt den Verhandlungsweg praktisch für erledigt.

Die Regierung erhebt ihre Sichtweise faktisch zur einzig zulässigen.

Bundeskanzler Friedrich Merz vermittelt den Eindruck, als seien ernsthafte Verhandlungen mit Russland derzeit keine Option. Statt diplomatische Initiativen in den Mittelpunkt zu stellen, dominiert seine öffentliche Kommunikation über Waffenlieferungen, militärische Stärke und Durchhalteparolen.

Das ist eine gefährliche Entwicklung. Wer den Gesprächsfaden bewusst nicht aufnimmt oder ihn für politisch unerwünscht erklärt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende die Waffen sprechen. Diplomatie beginnt nicht erst, wenn beide Seiten freundlich zueinander sind. Sie beginnt dort, wo die Feindschaft am größten ist.

Besonders irritierend ist dabei die immer wieder zu hörende Behauptung, mit Putin könne man ohnehin nicht verhandeln. Wäre das richtig, hätte es nie Gipfeltreffen zwischen russischen und westlichen Staats- und Regierungschefs gegeben. Selbst in den schwierigsten Phasen des Kalten Krieges wurde miteinander gesprochen. Ronald Reagan und Michail Gorbatschow verhandelten. Richard Nixon reiste nach China. Henry Kissinger sprach mit den Gegnern Amerikas. Und auch Donald Trump traf sich mit Wladimir Putin zu persönlichen Gesprächen.

Der Satz „Mit Putin kann man nicht verhandeln“ ist deshalb keine historische Erkenntnis, sondern eine politische Entscheidung. Wer ihn übernimmt, erklärt die Diplomatie praktisch für gescheitert, bevor sie überhaupt ernsthaft versucht wurde.

Niemand muss Putins Politik gutheißen. Aber wer Frieden will, muss bereit sein, mit dem Gegner zu reden. Wer Gespräche von vornherein ausschließt und stattdessen fast ausschließlich auf militärische Mittel setzt, trägt die Verantwortung dafür, dass sich ein Krieg verlängern und weiter eskalieren kann.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Kann man mit Russland verhandeln? Sondern: Will man es überhaupt?

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