Alle Beiträge

Erich Kästner schrieb sein warnendes Gedicht 1927.
Und heute, 100 Jahre später? „Kennst du das Land, wo die Sondervermögen blühn?“„Was immer man in Deutschland auch kürzt, für Waffen reicht es immer.“

 

Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen. Dort stehen die Prokuristen stolz und kühn in den Büros, als wären es Kasernen. Dort wachsen unterm Schlips Gefreiten Knöpfe und unsichtbare Helme trägt man dort. Gesichter hat man dort, doch keine Köpfe. Und wer zu Bett geht, pflanzt sich auch schon fort. Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will, und es ist sein Beruf, etwas zu wollen, steht der Verstand erst stramm und zweitens still. Die Augen rechts mit dem Rückgrat rollen. Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen und mit gezogenem Scheitel auf die Welt. Dort wird man nicht als Zivilist geboren, dort wird befördert, wer die Schnauze hält. Kennst du das Land? Es könnte glücklich sein. Es könnte glücklich sein und glücklich machen. Dort gibt es Äcker, Kohle, Stahl und Stein und Fleiß und Kraft und andre schöne Sachen. Selbst Geist und Güte gibt’s dort dann und wann. Und wahres Heldentum, doch nicht bei vielen. Dort steckt ein Kind in jedem zweiten Mann, das will mit Bleisoldaten spielen. Dort reift die Freiheit nicht, dort bleibt sie grün. Was man noch baut, es werden stets Kasernen. Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn? Du kennst es nicht? Du wirst es kennenlernen.

 

Das Land wo die Kanonen blühn

Kästners Land 2026

Erich Kästner schrieb sein Gedicht 1927. Damals „blühten“ die Kanonen noch in den Köpfen, lange bevor sie wieder auf den Schlachtfeldern Europas „blühten“.

Fast hundert Jahre später könnte man den Eindruck gewinnen, als habe Deutschland aus seiner Geschichte vor allem eines gelernt: Kanonen sind gefährlich – deshalb braucht man mehr davon.

Für Schulen fehlt das Geld. Für Brücken fehlt das Geld. Für Krankenhäuser fehlt das Geld. Für Rentner, Pflegebedürftige und Kommunen fehlt das Geld. Doch kaum ruft jemand nach Raketen, Marschflugkörpern oder Panzern, öffnen sich die Staatskassen wie von Zauberhand.

Das Land der Schuldenbremse wird beim Thema Aufrüstung plötzlich zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Kästner hätte vermutlich nicht gefragt, wie viele Panzer bestellt werden. Er hätte gefragt, warum kaum noch jemand fragt, ob die ständige Vorbereitung auf den Krieg selbst längst zur Krankheit geworden ist.

Wieder wachsen unter den Jacketts unsichtbare Gefreitenknöpfe. Wieder werden Kinder in Schulen von Uniformträgern besucht. Wieder werden kritische Fragen als verdächtig betrachtet. Wieder gilt als naiv, wer über Verhandlungen spricht. Und wieder gilt als verantwortungsvoll, wer nach noch mehr Milliarden für Waffen ruft.

Wer vor wenigen Jahren noch Frieden forderte, gilt heute als Träumer. Wer Aufrüstung fordert, gilt als Realist. Verrückter kann eine politische Zeitenwende kaum ausfallen.

Man spricht von Verteidigung und denkt an Aufrüstung. Man spricht von Abschreckung und meint Waffenberge. Man spricht von Frieden und meint Kriegsvorbereitung.

 

Fast könnte man glauben, Kästner habe sich nur um ein Jahrhundert im Datum geirrt.

Denn eine Demokratie beweist ihre Stärke nicht dadurch, dass sie immer größere Waffenlager baut. Sie beweist ihre Stärke dadurch, dass sie selbst dann noch den Mut zum Zweifel behält, wenn ringsum bereits der Gleichschritt einsetzt.

Kästner würde vermutlich nur wenige Wörter ändern.

Aus: „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühn?“ würde vielleicht werden:

„Kennst du das Land, wo die Sondervermögen blühn?“

Und aus: „Was man auch baut, es werden stets Kasernen“

würde vielleicht werden: „Was man auch kürzt, für Waffen reicht es immer.“

Der Warner Kästner hätte wieder ein Gedicht geschrieben.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert